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Unser zukünftiges Erbe
Von: Brian Riley
Übersetzung von Melanie Stanek, veröffentlicht: 15.11.2013 um 22:39h MEZ
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Heutzutage beschäftigen sich viele Menschen, mich eingeschlossen, mit dem Prozess der Selbstreflexion — eine Suche nach unserem Platz in der Welt und nach dem Sinn des Lebens in der modernen Zeit. Für mich hat die Reise mit einem Trip in die Heimatstadt meiner Kindheit in Illinois begonnen, wo sich die französisch-kanadischen Vorfahren der mütterlichen Seite meiner Familie im 19. Jahrhundert niederließen.

Ich habe es geschafft sechs Wochen bei meiner Großmutter sowie einer Großtante zu verbringen, die beide in ihren 90ern waren. Sie hatten beide ein rasiermesserscharfes Gedächtnis und waren in der Lage mir zu helfen die fehlenden Informationen, die ich über mein kulturelles Erbe gesucht hatte, zu finden. Zu meinem Erstaunen offenbarte meine Großtante die Existenz von einigen Familiendokumenten, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichten und, die sie geheim gehalten hatte und seit Mitte der 1960er Jahre nicht mehr an andere Familienmitglieder weitergegeben hatte.

Die Dokumente wurden meinem Urgroßvater von einem seiner Cousins aus Kanada geschickt. Mein Urgroßvater, der langsam senil wurde, hob sie in seiner Jackentasche auf und trug sie während seiner Pensionsjahre überall mit sich herum, solange bis mein Großonkel entschied, dass die Dokumente zu wertvoll waren, um herumgetragen zu werden und schnappte sie meinem Urgroßvater weg. Manchmal kickte er das Bein meines Großonkels unter dem Esstisch, um sich zu rächen.

Als meine Mutter 12 Jahre alt war, passte sie oft während des Sommers auf ihren Großvater auf. Er starrte dann aus dem Küchenfenster und machte kryptische kultur-historische Bemerkungen, wie: „Die haben wir damals wirklich zurückgehalten.“ Später, wenn er in seinem Sessel saß, sang er auf einmal „La Marseillaise“.

War er besorgt, dass seine Enkelkinder ohne ausreichendes Wissen über ihr ethnisches Erbe aufgezogen wurden? Hat er vielleicht das Aufkommen einer neuen Ära unpersönlichen Kapitalismus beklagt, dessen er Zeuge gewesen war und an dem er teilgenommen hatte?

Die Interpretation ist einfach. Jemand, der ihn noch kannte als er sein Klempnergeschäft betrieb, sagte, dass seine Persönlichkeit eine bittere Seite hatte. Mein eigener Großvater dachte, Urgroßvater wäre zu geizig mit den Löhnen und beschloss aufzuhören für seinen Vater zu arbeiten. Später wurde Urgroßvater in eine frühe Pension gezwungen nachdem ein Feuer fast alles in seinem Geschäft zerstört hatte und er nicht versichert war. Niemand in der Gemeinde erklärte sich bereit Geld für ihn zu sammeln, um das Geschäft wieder aufzubauen. Das muss eine harte Lektion gewesen sein.

Es war wahrscheinlich kurzsichtig von ihm keine Versicherung für sein Geschäft abgeschlossen zu haben, aber der wichtigere Punkt bleibt: Was ist dieses neue Zeitalter des Kapitalismus, in das wir eingetreten sind und was bedeutet es für unsere Identität und unser Leben?

Ein entfernter Cousin sagte mir, dass das Bauernhaus, das in den Familiendokumenten beschrieben wurde, immer noch außerhalb einer Kleinstadt in Quebec stehe. Was würde ich finden, reiste ich dort hin, um es zu sehen? Würde mich die örtliche Kultur anziehen oder abschrecken? Vielleicht eine Kombination aus beidem. Eine meiner Cousinen ersten Grades zog nach Frankreich und zog dort zwei bilinguale Kinder mit ihrem französischem Ehemann auf. Für sie ist ein Trip nach Hause über den Atlantik nur einen Katzensprung entfernt und die zwei Kulturen vertragen sich gut miteinander.

In den Familiendokumenten ist ein gewisses Pathos zu finden. Einer meiner Vorfahren, ein Bauer, verlor seine Frau und musste das Sorgerecht für alle sieben seiner Kinder aufgeben. Innerhalb des Rechtsganges wurde das komplette Inventar des Haushaltes aufgezeichnet. Es ist faszinierend die Inventarliste zu lesen und sich vorzustellen wie sie damals, vor über 200 Jahren, gelebt haben.

Die Dokumente zeigen, dass meine Vorfahren sehr moralische Menschen waren. Bei dem Gedanken was sie über unsere Welt sagen würden, wäre Zeitreisen möglich, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken. Ich fühle eine Art direkte Verbindung, weil ich weiß, dass meine Urgroßmutter meinen Großvater zu einem Anführer der Gemeinde erzogen hat, und meine Mutter hat mich erzogen so zu sein wie er. Dies ist ein Teil meiner Identität, dem ich wahrscheinlich nicht einmal entrinnen könnte, wenn ich es wollte. Aber wohin gehen wir von hier aus? Wie können wir die Weisheit unserer Vorfahren mit der konkreten Unmittelbarkeit der modernen Innovationen und der Notwendigkeit von anhaltender Veränderung verweben?

Dementsprechend, wie kann freies Unternehmertum, eine moderne Erfindung, fair und gerecht sein? Wie können wir die Idee des freien Handels mit dem dafür notwendigen Rahmen der sozialen Verantwortung verbinden? Wir dürfen es den unpersönlichen Mächten der Vermarktung, Monetarisierung und Kommodifizierung nicht erlauben das A und O unseres täglichen Lebens und all unserer sozialen und pädagogischen Institutionen zu werden. Unsere Vorfahren haben uns nicht dafür auf die Welt gebracht; da bin ich mir sicher — und wir schulden es uns selbst und unseren Nachkommen sicherzustellen, dass dies nicht passiert.

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BRIAN RILEY kann erreicht werden unter: info@brianriley.us.


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